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Objekte aus der Sammlung von Paula Lang
Objekte aus der Sammlung von Paula Lang
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Provenienzforschung

Seit März 2016 untersucht das Bomann-Museum im Rahmen eines vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg geförderten Forschungsprojekts „Das Bomann-Museum Celle und seine Sammlungen. Der Einfluss der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft auf die Inventarbeschaffungen von 1933 bis 1945“ systematisch die Herkunft derjenigen Objekte, die zwischen 1933 und 1945 in den Sammlungsbestand gelangten. Insbesondere wird überprüft, ob sich darunter Zugänge befinden, die ihren früheren Eigentümern im Zuge von Verfolgung durch die Nationalsozialisten entzogen wurden. Grundlage dieser Untersuchung ist insbesondere die Washingtoner Erklärung von 1998, in der 44 Staaten zusicherten, insbesondere die öffentlichen Sammlungen im Hinblick auf NS-Raubgut zu untersuchen.

Zu Beginn des Projekts wurde angenommen, dass rund 3.000 Objekte und Konvolute während der NS-Zeit in die Museumssammlung gelangten. Nach zweijähriger Forschungsarbeit steht fest, dass es sich tatsächlich um über 6.000 handelt. Bei rund 3.800 Objekten konnte bisher eine rudimentäre Überprüfung durchgeführt werden. Auch wenn beim überwiegenden Teil zunächst keine offensichtlichen Hinweise auf einen verfolgungsbedingten Entzug vorliegen, muss die Provenienz vielfach noch intensiv weiter untersucht werden. Dies gilt insbesondere für etwa 180 Objekte, für die konkrete Verdachtsmomente festgestellt wurden. Sie befanden sich vor Eingang in die Museumssammlung in jüdischem Besitz oder wurden bei Händlern erworben, die nachweislich mit entzogenem Eigentum handelten. Bei einigen Stücken aus der Sammlung hat sich der Verdacht bereits eindeutig bestätigt. Im Folgenden finden Sie weitere Informationen zu diesen Fällen und andere Ergebnisse der bisherigen Recherchen.

Objektzugänge von Juden aus Celle und jüdischen Mitgliedern des Museumsvereins nach 1933

1933 bestand die jüdische Gemeinde in Celle aus etwa 80 Personen. 16 von ihnen waren zeitweise Mitglieder des Celler Museumsvereins und unterstützen das Museum seit seiner Gründung mit Spenden oder Schenkungen. Daher kamen auch vor 1933 immer wieder verschiedene Objekte aus jüdischem Besitz in den Museumsbestand. Mit der zunehmenden Entrechtung nach 1933 bestand jedoch ein wachsender Zwang für Juden, sich auch unter Wert von ihren Besitztümern zu trennen. Auch im Falle einer geplanten Auswanderung mussten Gegenstände verkauft oder verschenkt werden, da eine Mitnahme häufig nicht möglich war oder der Erlös benötigt wurde. Daher muss bei Zugängen aus jüdischem Besitz während der NS-Zeit stets dieser Verfolgungskontext berücksichtigt werden. Bisher konnten sieben solcher Zugänge von Juden aus Celle oder früheren auswärtigen Mitgliedern des Museumsvereins nachgewiesen werden. Die Forschungen werden im dritten Projektjahr fortgesetzt, um die genauen Kontexte aufzuklären und gegebenenfalls mögliche Nachfahren ausfindig zu machen.

Objekte aus der Sammlung von Paula Lang

Objekte aus der Sammlung von Paula Lang

Objekte aus der Sammlung von Paula Lang  

Objekte aus der Sammlung von Paula Lang (verst. 1942 in Theresienstadt), erworben im Dezember 1933

Erwerbungen aus den Beständen der Firmen Goudstikker und Katz und ihre „Restitution“ in der Nachkriegszeit

Vor Beginn der gegenwärtigen Provenienzforschung war in Vergessenheit geraten, dass bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit mehrere Gemälde in die Niederlande zurückgeführt wurden. Erst im Zuge der aktuellen Recherchen konnte dieser Vorgang rekonstruiert werden. Hierbei handelt es sich um drei Werke, die vom damaligen Museumsdirektor Albert Neukirch auf einer Auktion des Berliner Kunsthändlers Hans W. Lange im Dezember 1940 ersteigert wurden. Zuvor waren sie aus den Niederlanden eingeführt worden. 1943 hatten die Alliierten sämtliche Erwerbungen in den von Deutschland besetzten Gebieten für nichtig erklärt, was als Grundlage für den Rückgabevorgang diente. Jedoch gingen die Gemälde nicht an ihre früheren Eigentümer zurück, sondern wurden niederländischer Staatsbesitz. Eines der Werke, ein vom Künstler Pierre Mignard gefertigtes Porträt von Maria Mancini (Mätresse des französischen Königs Ludwig XIV.), gehörte bis 1940 nachweislich zum Bestand der Firma Goudstikker in Amsterdam. Hierbei handelt es sich um eine bedeutende Kunsthandlung, deren Inhaber Jacques Goudstikker 1940 während der Invasion der Niederlande vor den deutschen Truppen floh und dabei umkam. Seine Firma wurde anschließend durch Hermann Göring und den aus München stammenden Kaufmann Alois Miedl übernommen. Dies geschah zu einem viel zu niedrigen Preis und gegen den ausdrücklichen Willen der Witwe des Kunsthändlers. Erst 2005 erkannte die Regierung der Niederlande diesen Vorgang offiziell als Unrecht an und restituierte 202 Gemälde an die Erbin nach Jacques Goudstikker.

Ein weiteres der drei 1940 vom Celler Museumsdirektor erworbenen Gemälde, ein damals Jan Weenix zugeschriebenes Jagdstillleben, gehörte bist Juli 1940 zum Bestand der Firma Katz im niederländischen Dieren. Anschließend wurde es zusammen mit einem großen Konvolut Gemälde durch die bereits von Alois Miedl übernommene Firma Goudstikker erworben und ebenfalls in der Auktion bei Hans W. Lange in Berlin versteigert. Das Gemälde befindet sich bis heute in niederländischem Staatsbesitz. Der Inhaber der Firma Katz, Nathan Katz, emigrierte ebenfalls 1941. Einem Restitutionsersuchen seiner Erben für die zuvor gehandelten Werke wurde bisher nicht entsprochen, da die zuständige Kommission argumentiert, dass der Kunsthändler vor 1941 noch relativ frei agieren konnte.

Schreiben Lange 1940

Schreiben des Kunsthändlers Hans W. Lange vom 11.12.1940, auf dem 1947 die Restitution vermerkt wurde (Stadtarchiv Celle, 29 III Nr. 268)

Fotografie des im Dezember 1940 erworbenen Jagdstilllebens

Fotografie des im Dezember 1940 erworbenen Jagdstilllebens, um 1943, zu diesem Zeitpunkt Jan Weenix zugeschrieben (Stadtarchiv Celle, 29 III Nr. 268)

Gemälde „Waldlandschaft“ aus der Sammlung Jaffé, Berlin

Das Gemälde „Waldlandschaft“ wurde im Januar 1943 auf einer Auktion bei Hans W. Lange in Berlin erworben. Dort wurde es unter der Losnummer 101 als Werk von Anthonie Waterloo (1609-1690) angeboten. Zuvor war es jedoch dem Künstler Simon de Vlieger (1601-1653) zugeschrieben worden. Obwohl der Einlieferer im Katalog nur chiffriert mit „70. München“ angegeben ist, konnte er sicher identifiziert werden. Auf der Rückseite eines weiteren Gemäldes aus dieser Einlieferung, das ebenfalls vom Celler Museumsdirektor ersteigert wurde, ist noch der Rest eines Etiketts mit der Aufschrift „ICH HOFFMANN“ vorhanden. Durch Recherchen im Landesarchiv Berlin und im Bundesarchiv Koblenz und die Zusammenarbeit mit der Berliner Provenienzforscherin Dr. Caroline Flick konnte zweifelsfrei ermittelt werden, dass Heinrich Hoffmann der Einlieferer war. Dieser bekleidete das Amt des „Reichs-Bildberichterstatters“ der NSDAP und wurde besonders durch seine zahlreichen Fotografien von Adolf Hitler bekannt und vermögend. Dies ermöglichte ihm auch den Aufbau einer großen Kunstsammlung.

Hoffmann konnte 1943 bei der Versteigerung 6.000 RM für das Gemälde „Waldlandschaft“ erzielen. Er hatte es aber nur zwei Jahre zuvor für lediglich 400 RM bei der „Dienststelle Mühlmann“ in den Niederlanden erworben. Diese von Kajetan Mühlmann geleitete Organisation verwertete überwiegend beschlagnahmtes Eigentum, in diesem Fall Teile der Sammlung Jaffé, die im städtischen Museum in Leiden (De Lakenhal) beschlagnahmt wurde. Dort befand sie sich allerdings erst seit 1939 als Leihgabe. Ihr Eigentümer war Alfons Jaffé aus Berlin, der ebenfalls 1939 nach London emigrierte. Um seine Sammlung vor dem Zugriff des NS-Staates zu schützen, hatte er sie zunächst in die Niederlande nach Leiden bringen lassen. Da er sie aber nicht rechtzeitig nach London überführen konnte, wurden die Gemälde nach der Besetzung der Niederlande schließlich doch entzogen. Aufgrund dieser gesicherten Erkenntnisse ist eine Restitution an die heutigen Nachfahren von Alfons Jaffé im Frühjahr 2018 vorgesehen.

Gemälde »Waldlandschaft« aus der Sammlung Jaffé, Berlin

Simon de Vlieger oder Anthonie Waterloo (?), Waldlandschaft, um 1650, Öl auf Holz, 35 x 48 cm, Bomann-Museum Celle, Inv.-Nr. BM720/ST

Gelbgusskrone aus der Sammlung Heilbronner, Berlin

Bis zum Umbau der Staatsgemächer im Celler Schloss und der Einrichtung des Residenzmuseums in den Jahren 2003 bis 2005 hing in diesen Räumen eine kleine niederländische Gelbgusskrone mit kugelförmigem Schaft und zwölf Kerzen. Sie wurde im Mai 1942 auf einer Auktion bei Hans W. Lange in Berlin erworben und hatte die Losnummer 362. Im Besitzerverzeichnis des Auktionskatalogs ist als Einlieferer „F.A.M.-W., Berlin“ angegeben. Dahinter verbirgt sich das Berliner Finanzamt Moabit-West, das als zentrale Behörde für die „Verwertung“ von beschlagnahmtem jüdischem Eigentum zuständig war. Die Gelbgusskrone stammt aus dem Eigentum von Olga Heilbronner und wurde am 15. Juli 1941 von der Gestapo beschlagnahmt. Olga Heilbronner hatte gemeinsam mit ihrem Mann die Kunsthandlung Max Heilbronner in Berlin geführt, die 1938 liquidiert wurde. Bereits 1937 mussten Restbestände dieser Firma bei Hans W. Lange veräußert werden.

In der vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betriebenen Lost Art-Datenbank können sowohl Opfer von verfolgungsbedingtem Entzug Suchmeldungen einstellen wie auch Museen und Privatpersonen verdächtige Funde in ihren Sammlungen melden. Die Gelbgusskrone war hier durch die Berliner Kanzlei von Trott zu Solz Lammek im Auftrag von zwei erbberechtigten Mandantinnen als Suchmeldung eingestellt. Nach der Kontaktaufnahme erklärten sie sich bereit, auf eine direkte Restitution zu verzichten, da 1959 bereits im Rahmen eines Vergleichs eine Entschädigungssumme für den Vermögensverlust von Olga Heilbronner durch die Bundesrepublik gezahlt worden war. Vermutlich gibt es jedoch noch weitere Erbberechtigte, zu denen aber bisher kein Kontakt hergestellt werden konnte. Sofern sie gefunden werden, wird auch mit ihnen über eine faire und gerechte Lösung gesprochen. Daher wird die Gelbgusskrone erneut durch das Bomann-Museum als Suchmeldung in die Lost Art-Datenbank eingestellt. Zudem wird die Geschichte des Objekts in einer für 2019 geplanten Sonderausstellung thematisiert.

Bis zum  Umbau der Staatsgemächer im Celler Schloss und der Einrichtung des Residenzmuseums in den Jahren 2003 bis 2005 hing in diesen Räumen eine kleine niederländische Gelbgusskrone mit kugelförmigem Schaft und zwölf Kerzen. Sie wurde im Mai 1942 auf ei

17./18. Jahrhundert, Gelbgusskrone mit zwölf Kerzenarmen in zwei Reihen, Bomann-Museum Celle, Inv.-Nr. 18643

Tagungsband zur Provenienzforschung

Tagungsband zur Provenienzforschung

NS-Kunstraub lokal und europäisch
Eine Zwischenbilanz der Provenienzforschung in Celle
ISBN 978-3-925902-96-3
ISSN 1616-2986
19,80 €

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