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08.01.2021

Museumssnack

In der ehemaligen DDR erfreuten sich Plattenbauten seit den ausgehenden 1950er Jahren großer Beliebtheit. Denn im Gegensatz zu den nicht sanierten Altbauten ohne Bad und mit Kohleheizung hatten die Wohnungen in den Hochhäusern der neuen Plattenbausiedlungen fließendes Wasser und eine Zentralheizung. Die Wohnungen waren außerdem mit Balkonen versehen. Sie entstanden in den Zentren der kriegszerstörten Innenstädte oder im Grünen an den Stadträndern. So versuchte man, dem akuten Wohnungsmangel entgegenzuwirken. Hinzu kamen ideologische Gründe: Der Status eines Menschen sollte im „real existierenden Sozialismus“ nicht an der Wohnung zu erkennen sein. Oft mussten die „normalen“ Bürger allerdings lange auf die Zuteilung einer solchen modernen Wohnung durch den Staat warten, während Stasi-Mitarbeiter*innen bevorzugt wurden.

Museumssnack 08.01.2021

Das Hochhaus aus der Sammlung von Astrid Keusemann ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Zeitgeschichte in Puppenhäusern spiegelt, sowohl in der Architektur als auch in der Ausstattung mit Möbeln.

Deshalb nimmt es nicht Wunder, dass die neu gegründeten volkseigenen Vereinigten Erzgebirgischen Spielwarenwerke Olbernhau diesen ungewöhnlichen Typus eines Puppenhauses 1967 auf der Leipziger Messe präsentierten. Allerdings nahmen die großen, nicht zusammenlegbaren Puppenhäuser, die außerdem nicht ganz preiswert waren, in den kleinen Kinderzimmern der Plattenbauten zu viel Platz weg. Sie blieben für viele Kinder Objekte der Sehnsucht, zumal auch ihre Innenausstattung ganz modern war bis hin zur Ausstattung mit Tapeten und Fußböden. Das Wohnzimmer des vorgestellten Objekts ist mit wuchtigen roten Drehsesseln, großer Schrankwand und Fernseher ausgestattet. Die Möbel produzierte die Spielwaren-Fabrik Hermann Rülke, Kleinhartmannsdorf, Sachsen.

Auch die Schlafzimmermöbel in der oberen Etage stammen von Rülke und bestehen aus dreitürigem Kleiderschrank mit stoffbespannter Glastür im Mittelteil sowie einem Frisiertisch und zwei zum Doppelbett gestellten Einzelbetten mit Nachtschränkchen und zeittypischen Nachttischlampen. Die Küche besticht durch blaue Plastikmöbel von Ullrich & Hoffmann – Wichtelmarke, Seiffen, Erzgebirge. Dazu passt der Tisch mit Resopaloberfläche und zwei roten Stühlen. Einen besonderen Akzent setzt der Schachbrettfußboden.

Wer ein solches Puppenhaus, das heute in Sammlerkreisen gesucht ist und Seltenheitswert besitzt, sein Eigen nannte, konnte sich zumindest in der Fantasie die Wartezeit auf eine schicke neue Wohnung verkürzen. Nach der Wende gab es 2,2 Millionen Wohnungen in Plattenbauweise, allerdings in teils marodem Zustand. Heute ist „die Platte“ vielfach saniert und dann Kult oder abgerissen.

Vorbild für die Plattenbauten – die ihren Namen von den in Fabriken vorgefertigten Betonplatten ableiten – war übrigens die von dem Architekten Le Corbusier entwickelte Wohneinheit „Unité d’Habitation“. Diese Einheiten baute er in Frankreich und Berlin. Aber auch schon vorher wurde in Deutschland in diesem Stil gebaut: erstmals 1925 in Frankfurt am Main (Stadtteil „Neues Frankfurt“). Die erste Siedlung wurde 1926 in Berlin-Friedrichsfelde errichtet.

Museumssnack 08.01.2021

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Bilder:
Hochhaus, 1966, VERO, Olbernhau, Sachsen; aus der aufgebauten Sonderausstellung „Echt! Klein. MiniKosmos Puppenhaus. Sammlungen Gottschlich, Keusemann, Krenz“ 21.11.2020 – 5.4.2021
Vereinigten Erzgebirgischen Spielwarenwerke Olbernhau auf der Leipziger Messe, 1967
Plattenbausiedlung Berlin-Marzahn,1987
Corbusier-Haus in Berlin, 1957

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